AKH-Arbeiter im Stich gelassen

Übernommen vom Magazin KOSMO

Mehr als 350 Reinungskräfte und 650 Arbeiter – überwiegend aus dem ehemaligen Jugoslawien – verlieren im Wiener Allgemeinen Krankenhaus ihre Arbeit. KOSMO hat mit Ljubica Lukić gesprochen – einer der Raumpflegerinnen, die sich in dieser wenig beneidenswerten Situation befinden.
Das Wiener Allgemeine Krankenhaus ist eines der größten Krankenhäuser in diesem Teil Europas. In den 22 Stockwerken gehen mehr als 9.500 Ärzte, Reinigungs- und Pflegekräfte ihrer Arbeit nach. Jährlich nehmen über eine halbe Million Patienten die Dienste der Klinik in Anspruch.Im vergangenen Monat stand das Krankenhaus im Zentrum des Medieninteresses, nachdem gemeldet worden war, dass bis zum Sommer 350 Reinigungskräfte entlassen werden und dass weitere 750 im laufenden Jahr mit ihrer Entlassung rechnen müssen. Es handelt sich um Mitarbeiterinnen der Firma AGO, die ihre Beschäftigten auf der Basis eines Vertrags vier Jahre lang für Reinigungs- und andere Dienstleistungen an das AKH ausgeliehen hat und die nun nach Ablauf dieses Vertrags durch eine andere Firma ersetzt wird, die die Reinigungsdienste im AKH für einen noch geringeren Preis übernimmt.

80 Prozent aus dem ehemaligen Jugoslawien

Bei diesen 1.000 Personen, die von den Entlassungen betroffen sind, handelt es sich überwiegend um Putzfrauen aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Nach unserer Schätzung bilden sie 80 Prozent des Personals der Firma AGO“, erklärt uns David Lang, Vorsitzender des Betriebsrats der Firma AGO.

Eine der Reinigungskräfte, die die Kündigung bereits erhalten haben, ist Ljubica Lukić (48). Sie stammt aus Sarajevo und hat die letzten vier Jahre im AKH gearbeitet. Als wir sie nach einem ihrer letzten Arbeitstage in dem riesigen Krankenhaus treffen, verbirgt Lukić ihre Enttäuschung nicht. „Seit 28 Jahren lebe und arbeite ich in Österreich, aber ich habe nicht erwartet, dass mir so etwas passiert. Über Nacht werfen sie uns raus, und das ohne irgendeinen gerechtfertigten oder nachvollziehbaren Grund“, sagt Lukić.

Arbeiterinnen zweiter Klasse

Dass die sogenannten „Leiharbeiter“ in der Praxis eigentlich Beschäftigte zweiter Klasse sind, beweist auch eine Studie der Arbeiterkammer (AK) von 2013. Obwohl die Entleihung von Arbeitskräften im Prinzip eigentlich nur für Zeiten geplant war, in denen Firmen mit Arbeit überlastet sind und zusätzliche Arbeitskräfte brauchen, arbeiten viele Menschen jahrelang unter diesem Status auf ein und demselben Arbeitsplatz. Nach den Untersuchungen der AK sind 53 Prozent der Leiharbeiter in der befragten Firmen ganzjährig tätitg. „Nicht nur, dass sie oft geringere Einkommen haben: In der Praxis haben sie auch keinen Zugang zu Fortbildungen, die die Firmen für normal beschäftigte Mitarbeiter zahlen“, sagt Ulrich Schönbauer, Autor der AK-Studie über den Status von Leiharbeitern

Qualitätseinbußen befürchtet

„Mir ist nicht klar, wie das AKH funktionieren kann, wenn neue Putzfrauen in fünfeinhalb Stunden dasselbe schaffen müssen, was wir in acht Stunden erledigt haben“, sagt Ljubica Lukić. Der Betriebsratsvorsitzende der AGO, David Lang, fügt hinzu, dass das AKH, das mit dieser Maßnahme im Budget Einsparungen von drei Prozent erzielt.  „Die neuen Arbeiterinnen und Arbeiter müssen zu einem noch geringeren Lohn, in noch kürzerer Zeit und unter noch höherem Druck dafür sorgen, dass das AKH funktioniert wie bisher“, so David Lang.

Während Lang, Lukić und ihre Kolleginnen sich einig sind, dass das AKH durch die Entlassung der Mitarbeiterinnen der Firma AGO an Qualität verlieren wird, meint man in der Verwaltung des Krankenhauses selbst, dass es keinen Grund zur Sorge gäbe. „Die drei neuen Firmen, die die Reinigung des Krankenhauses übernehmen, haben sich verpflichtet, sich an bestimmte Standards zu halten, die für die Qualität des gesamten Krankenhauses bürgen“, sagt Herwig Wetzlinger, der stellvertretende Direktor des Wiener Allgemeinen Krankenhauses.  Er weist auch den Vorwurf zurück, dass das Krankenhaus die Mitarbeiterinnen „im Stich gelassen habe“, wie es im Betriebsrat der AGO heißt. „Es handelt sich um entliehene Arbeitskräfte. Sie sind nicht unsere Angestellten, darum kann man auch nicht von Entlassungen reden“, fügt Wetzlinger hinzu.

Ohne Perspektive

“Die Atmosphäre unter den Kolleginnen ist angespannt. Die meisten stammen vom Balkan, und mir tut es vor allem um die jungen Kolleginnen leid, die ohne jede Perspektive dastehen. Viele haben sich schon beim AMS gemeldet”, sagt Lukić. Sie selbst hatte Glück und hat schon eine neue Arbeit gefunden.

David Lang, Betriebsratsvorsitzender der AGO, ist ebenfalls enttäuscht. “Wir haben mehr als 4.000 Unterschriften gesammelt und der Stadt Wien übergeben, damit sie sich um unsere Arbeiter kümmern sollten. Unsere Appelle an das Krankenhaus und die Stadt Wien haben leider nicht gefruchtet, mit den Arbeitern sind die Verantwortlichen umgegangen wie mit Abfall”, schließt Lang.

Petar Rosandić / KOSMO

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